Freiheit 0

20. Mai 2004, 01:18 Uhr von Fabian

Im folgenden handelt es sich um eine Übersetzung von Mark Pilgrims “Freedom 0″ Artikel vom 14. Mai 2004. Das ist meine erste Übersetzung, Fehlerhinweise nehme ich gern entgegen.

Movable Type war nie Freie Software, im Sinne der Free Software Foundation. Es war nie Open Source Software, wie es die Open Source Initiative definiert. Six Apart überlebte und etablierte sich in der Blogger Comunity weil es „frei genug“ war.

Movable Type wurde mit dem Quellcode ausgeliefert, so dass Freizeitprogrammierer Features wie forumsähnliche Kommentare und IP Blocker selbst hinzufügen konnten. Man durfte diese modifizierten Versionen zwar nicht weiter verteilen, aber man konnte Patches veröffentlichen – und das reichte. Movable Type hatte eine gut entworfene Plugin-Architektur, so dass man es mit einer Unzahl von Plugins Dritter erweitern konnte. Zwar durfte man Movable Type mit vorinstalliererten Plugins nicht weiter verteilen, aber man konnte sie separat installieren – auch das war Freiheit genug.

Es war manchmal nicht einfach, aber gut zu durchschauen, wenn es denn einmal funktionierte. Außerdem war es seiner Konkurrenz um Lichtjahre voraus.

Dennoch: Movable Type stagnierte während Six Apart wuchs und sich andere Prioritäten wie z.B. TypePad setzte. Die Einschränkungen von Movable Type 2.6 wurden zunehmend ärgerlich und ich begann die Open Source Alternativen zu begutachten. Ich kam eher unbeeindruckt zurück und entschied mich, geduldig auf Movable Type 3.0 zu warten.

Als es schließlich an der Zeit war, schlich ich mich in das Beta Programm von Movable Type 3.0, nur um bitter enttäuscht zu werden. Downloads waren fehlerhaft und mussten debugged werden um es überhaupt zum Laufen zu kriegen. Die zwei wichtigsten Neuerungen waren TypeKey und moderierte Kommentare. TypeKey erschien wie ein Kropf und löste offenbar keines der Probleme zu deren Behebung es erfunden wurde. [...] Die Moderationsfunktion für Kommentare war großartig, aber erneuerte nach einer Genehmigung meine Seite nicht richtig. Das Umstellen meiner Templates war die Hölle. Zum einen, weil die neuen Template-Tags undokumentiert waren, zum anderen produzierten sie ungültigen HTML-Code. Ungültigen HTML-Code!

Und gestern musste ich, wie die meisten von Euch, erfahren, dass Movable Type 3.0 ein neues Lizenzierungsverfahren mit bringt. 1 Autor und 3 Seiten sind frei. Bis zu 3 Autoren und 5 Websites: $100. Bis 6 Autoren und 8 Seiten: $150. Bis zu 0 Autoren und 10 Seiten: $190.

Ich habe 11 Movable Type betriebene Websites. Die Umstellung nach Movable Type 3.0 würde mich $700 kosten.

Halt! Wenn ich mich jetzt entscheide, kann ich den speziellen Einführungspreis in Anspruch nehmen. Außerdem würden alle bisher von mir getätigten Spenden angerechnet werden. Macht $20 und noch einmal $45. Reduziert den Preis auf $535.

535 Dollar für moderierte Kommentare.

Was ist mit Movable Type 4? Wie viel wird das kosten?

Viele Leute verstehen „Freie Software“ und die GNU General Public License falsch. Viele Leute halten die GPL für einen Buhmann, der sich wie ein Virus verhält, was erstmal schlecht klingt. Was bedeutet diese „Virus-Lizenzierung“ aber wirklich: GPL Software hat die Einschränkungen, die sie hat, ganz einfach. Die GPL ist ziemlich restriktiv für den Entwickler, hingegen überhaupt nicht für den Endanwender. (Gleich mehr dazu.) Abgesehen davon kann die GPL Software nie restriktiver werden, als sie von sich aus ist. Eine Erweiterung kann einem die Freiheit einer vorherigen Version nicht wegnehmen.

Ein netter Nebeneffekt davon ist: wenn ich ein GPL Programm schreibe und dann das Interesse daran verliere und jemand anderes greift es auf und setzt die Entwicklung fort, ist derjenige gezwungen, seine eigene Version unter GPL zu veröffentlichen. Ein neuer Entwickler kann die Freiheit, die ich mit einer alten Version genossen habe nicht mehr nehmen.

Ich erwähne das, weil es genau das ist, was gerade mit WordPress passiert. Das Projekt begann als b2 und wurde dann aufgegeben. Aber vor einem Jahr gründete sich eine Gruppe um einen Quellcode-Ableger des Original b2-codes und machte daraus WordPress. Zu dieser neuen Community gehörten neben einigen der ursprünglichen Entwickler viele neue. Weil die Original-Software GPL-lizenziert war, war WordPress das auch.

Niemandem ist es erlaubt Movable Type Code für ein neues Projekt zu verwenden, denn es ist kein Open Source.

Die WordPress Entwickler arbeiten derzeit an der Version 1.2. Version 1.2 wird unter GPL stehen. Version 1.3, so es irgendwann existiert, wird unter GPL lizenziert sein. Version 2.0 wird, angenommen sie existiert, unter GPL lizenziert sein. Ich werde nie von der Lizenzierung einer neuen WordPress-Version überrascht werden.

„Die Freiheit 0 ist die Freiheit ein Programm zu jedem Zweck auszuführen.“ (Freedom 0 is the freedom to run the program, for any purpose.) WordPress gibt mir diese Freiheit; Movable Type tut das nicht. Das tat es nie wirklich, aber es gab uns genug Freiheit, um uns darüber keine Gedanken machen zu lassen, mich eingeschlossen. Movable Type 3.0 ändert nun die Regeln und befördert sich damit ins Abseits. Ich habe nicht mehr die Freiheit das Programm universell einzusetzen; mir bleibt nur eine eingeschränkte Menge von Freiheit, die mir Six Apart zu gesteht. Und jede Version scheint mir weniger und weniger Freiheit zu bescheren. Mit Movable Type 2.6 war es mir erlaubt 11 Websites zu betreiben. In der Version 3.0 soll mich das $535 kosten.

WordPress ist Freie Software. Die Regeln ändern sich nie. Im Fall sich die WordPress Community trennt und die Entwicklung stoppt, kann sich eine neue Community um den verwaisten Code herum gründen. So ist es schon einmal geschehen. In dem extrem unwahrscheinlichen Fall, dass sich jeder einzelne Mitwirkende (auch jeder der ursprünglichen b2-Gruppe) bereit erklärt, den Code unter eine restriktivere Lizenz zu stellen, kann ich immer noch den aktuellen unter GPL lizenzierten Code nehmen und ein neues Projekt darum gründen. Es gibt immer einen Weg nach vorn. Keine Sackgassen.

Movable Type ist eine Sackgasse. Auf lange Sicht strebt der Nutzwert jeglicher nicht-freier Software gegen null. Jede nicht-freie Software ist eine Sackgasse.

Diese Seite wird jetzt mit WordPress betrieben. Dank der wundervollen Leute im #wordpress IRC Channel, habe ich es geschafft, die meisten meiner komplexen Movable Type Einstellungen zu portieren. Eingeschlossen der hübschen URLs (die permanenten Links sollten sich also nicht ändern und ihr braucht die Feeds nicht neu zu abonnieren).

Es geht nicht darum, wer das Recht hat Geld zu verdienen (jeder hat das); es geht nicht darum, wie nett Ben und Mena sind (ich habe sie getroffen, sie sind sehr nett); und es geht sicherlich nicht ums Essen. Ich habe die $535, die mich Movable Type gekostet hätte, genommen und den WordPress-Entwicklern gespendet.

Es geht nicht um Geld; es geht um Freiheit.

Ende der Übersetzung.

One Response to “Freiheit 0”

  1. Sandra sagt:

    Der Artikel spricht mir aus dem Herzen ;-) Ich bin ein Mensch, der seine Freiheit braucht und das nicht nur bei der Software. Aber das mit Open Source wurde anscheinend wirklich missverstanden. Anders kann ich mir das auch nicht vorstellen.

    Sandra